Offener Brief


Liebe Theaterfreunde, liebe Zuschauer, liebe Mitbürger,

die Diskussion um die Sanierung der Kölner Bühnen verläuft hitzig und emotional, das ist in Anbetracht der Situation nachvollziehbar und legitim. Zudem sind viele unvorhersehbare Dinge geschehen: Zu den größten gehören sicher die Weltwirtschaftskrise und der Einsturz des Stadtarchivs, Situationen, die sowohl die Stadt Köln als auch die Stimmung in der Bevölkerung radikal verändert haben. Köln ist nicht mehr dasselbe Köln wie vor drei Jahren. In diesem Zusammenhang ist es nur allzu natürlich, dass die Bürger dieser Stadt sich jetzt zu Wort melden und ihr demokratisches Mitspracherecht einklagen.

Allerdings glaube ich, dass Opern- und Schauspielleitung jetzt gut daran täten, die Meinungsbildung der demokratischen Stadtgesellschaft mit Zurückhaltung und Gelassenheit zu begleiten. Nicht wir, die Theaterleute, ohnehin immer in der Gefahr uns viel zu wichtig zu nehmen, sind jetzt gefragt, sondern alle Kölner Bürger, die mit den künftigen Entscheidungen nicht nur leben, sondern sie auch bezahlen müssen. Auch innerhalb des Theaters sollten wir, die Betriebsleiter der Bühnen, sich um ein faires, konstruktives Klima der Auseinandersetzung bemühen und den Arbeitsfrieden nicht gefährden, indem sie in Form von Polemiken spalten und polarisieren. In diesem Sinne hat mich sehr irritiert, dass am 29. Januar eine Stellungnahme auf unseren Internetseiten „im Namen der Kölner Bühnen“ veröffentlicht wurde, die niemals mit mir abgesprochen wurde; bis zu ihrem Erscheinen wusste ich noch nicht einmal, dass sie geplant war. Verfasser sind der Opernintendant Uwe Laufenberg und unser geschäftsführender Direktor Patrick Wasserbauer.

Es ist nicht abzustreiten, dass wir uns zur Zeit an einem sehr komplizierten, heiklen Punkt der Auseinandersetzung um die Sanierung befinden. Und in diesem Zusammenhang ist es nicht erstaunlich, das Opern- und Schauspielintendanz vor allem die Interessen ihrer eigenen Sparte vertreten und deshalb unterschiedlicher Meinung sind. Nachdenklich stimmt mich aber, wenn es in dieser Stellungnahme, die – wie gesagt – nicht für sich in Anspruch nehmen kann, eine gemeinsame Position der Bühnenangehörigen zu formulieren, explizit heißt, „zu einer Versachlichung der Diskussion unter Einbeziehung konkreter Daten und Fakten“ beitragen zu wollen, tatsächlich aber mit Halbwahrheiten, Spekulationen, ja sogar falschen Behauptungen argumentiert wird. Fakt ist, dass ein erfolgreiches Bürgerbegehren und ein erfolgreicher Bürgerentscheid für eine Neuausschreibung der Sanierung möglicherweise für beide Sparten eine längere Interimszeit zur Folge hätte. Die prognostizierten zehn Jahre im Interim sind jedoch reine Mutmaßung. Auf jeden Fall ist es unzulässig, hier ungeprüft die komplette Vorgeschichte des Sanierungsvorhabens als Maßstab auch künftiger Planungen zu nennen. Fakt ist, dass hierüber keinerlei professionellen und belastbaren Untersuchungen angestellt wurden oder beauftragt sind. Im übrigen: Im Reich der Spekulationen wird man für alle Positionen leicht fündig: Auch die bisher geplante Bauzeit für das neue Schauspielhaus könnte sich erheblich verlängern, wenn zum Beispiel Bodenfunde am Offenbachplatz gemacht werden und die Baukosten explodieren. Auch eine Mutmaßung, keine mit Sicherheit zutreffende Information!

Es gibt viele unstrittige Punkte, was die Notwendigkeit einer Sanierung von Oper und Schauspiel betrifft: logistische Probleme, beide Häuser entsprechen nicht mehr den heutigen Sicherheits- und Arbeitsschutzbestimmungen. Unstrittig ist auch, dass sich die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter in allen Versionen, Neubau oder Sanierung, drastisch verbessern müssen. Kölns Politiker signalisierten im Sommer 2009, dass sie die bis dahin innerhalb von sieben Vorbereitungsjahren entwickelte Planung für ein umfassendes Theaterzentrum am Offenbachplatz nicht beschließen würden. Angesichts von prognostizierten Kosten in Höhe von zirka 360 Millionen Euro ist dies eine nachvollziehbare Entscheidung. In den folgenden zirka vier Monaten waren die Bühnen und die Architekten aufgefordert, preisgünstigere Alternativmodelle zu entwickeln. In der Auseinandersetzung mit dieser Aufgabenstellung bin ich persönlich nach und nach zu der Überzeugung gelangt, dass eine Sanierungsvariante die bessere Alternative ist, unter anderem weil die Neubauvariante in ihrer drastisch reduzierten Form kaum noch etwas mit den ursprünglichen Zielsetzungen zu tun hat. Die Behauptung, dass diese Rumpfversion jahrelang öffentlich diskutiert worden ist, trifft in keiner Weise zu. In den vier Monaten ihrer Entstehung war nicht einmal Zeit, sie intern ausreichend durchzudenken. Pure Polemik ist auch die Behauptung, eine Sanierung des Schauspielhauses würde den logistischen Stand des Jahres 1960 auf unbegrenzte Zeit fortschreiben. Tatsächlich wird auch eine Sanierungsvariante notwendige, zeitgemäße Verbesserungen der Logistik und der Arbeitsbedingungen vorsehen.

Meine Bedenken bezüglich der nur grob durchdachten abgespeckten Rumpfversion habe ich vor der Ratssitzung am 17.12.09 öffentlich formuliert. Dennoch hat sich Rat der Stadt Köln in seiner Sitzung vom 18. Dezember für die abgespeckte Version des Gewinner-Entwurfes entschieden, die unter anderem den Abriss und Neubau des Schauspielhauses vorsieht. Ich habe nie Zweifel daran gelassen, dass ich mich an demokratische Spielregeln halte und Ratsbeschlüsse konstruktiv befördern werde. Diese Position vertrete ich auch heute. Das Bürgerbegehren beweist allerdings, dass der erst in den letzten Monaten festgeschriebene Sanierungsentwurf zu weiteren Diskussionen herausfordert. Auch dieses Begehren folgt demokratischen Spielregeln; und ich bin natürlich gespannt auf den Ausgang.

Selbstverständlich gibt es an den Bühnen keine einheitliche Meinung - wer versucht, etwas anderes zu suggerieren, ist nicht ehrlich. Trotz dieser Meinungsunterschiede darf aber der Betriebsfrieden, der noch nie so wichtig war wie gerade jetzt, nicht gefährdet werden. Die Bühnenangehörigen sollten sich wie auch die Bürger dieser Stadt frei entscheiden können. In diesem Sinne der Appell an uns drei Betriebsleiter, Herrn Laufenberg, Herrn Wasserbauer und mich, in gemeinsamer Verantwortung für die Zukunft der Bühnen und das jetzige Betriebsklima offen, fair und konstruktiv miteinander umzugehen. Von einem Krieg zwischen Oper und Schauspiel oder Laufenberg gegen Beier hat niemand etwas. Im Gegenteil: Da kann es nur Verlierer geben.

Mein Appell an Sie, liebe Zuschauer und Kölner Bürger lautet: Verfolgen Sie diese wichtige Debatte um die Zukunft der Kölner Bühnen mit Engagement und kritischem Zuspruch. Das Theater gehört weder mir, noch Herrn Laufenberg, noch den Mitarbeitern der Bühnen, noch der Politik, noch Herrn Roters, sondern hauptsächlich Ihnen. Sie sind diejenigen, die das Theater hoffentlich weiterhin zu Tausenden besuchen, und Sie sind diejenigen, die in den kommenden Jahrzehnten mit dem geplanten Neubau oder dem sanierten Schauspielhaus leben werden.



 
 
 
 
 
 
 
 
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