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MENTALLICA

TOM KÜHNEL / JÜRGEN KUTTNER
Industrielandschaft mit Einzelhändlern
Frei nach Egon Monk
BESETZUNG


In Egon Monks »Industrielandschaft mit Einzelhändlern« ist ein Drogist in seiner Existenz bedroht. Aber er sieht sich nicht als unschuldiges Opfer, er kommt zu der Einsicht, dass er sich den ökonomischen Prozessen nicht genug angepasst hat: „Wie, wenn der große Unbekannte, welcher hindert, dass die Rechnung aufgeht, ich selber bin? Wenn ich, peile ich Umwelt und Verhältnisse auf der Suche nach dem Störfaktor an, ihn nie werde finden können, weil natürlich ich der Störfaktor bin?“

In Kühnel/Kuttners Inszenierung »Mentallica« ist der Störfaktor neben dem Drogisten eine in die Jahre gekommene Heavymetalband, die das unternehmerische Selbst bildet. Da besteht kein großer Unterschied: Beide müssen sich auf dem Markt beweisen und beiden wird zunehmend klar, dass heutzutage eine gute psychische Hygiene ausschlaggebend für Erfolg ist: Empowerment, Kreativität und Qualität stärken das unternehmerische Ich des homo contractulis. Dass Unternehmen eine Seele haben, sei „wirklich die größte Schreckensmeldung der Welt“, schimpfte der französische Philosoph Gilles Deleuze Anfang der 90er Jahre und im neuen Jahrtausend lässt sich hinzufügen: Inzwischen haben Unternehmen nicht nur eine Seele, sondern auch einen stabilen Therapeuten.

Pressestimmen

„Unter dem bezeichnenden Titel „Mentallica“ verschneidet das Regieduo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner Egon Monks verfilmte Erzählung "Industrielandschaft mit Einzelhändlern" von 1970 mit dem berühmten Burnout der Band Metallica im Jahr 2001. (…) Die Krise entpuppt sich nicht nur als Zwiespalt zwischen vermarkteter Rebellion und privater Bürgerlichkeit. In der Band spiegelt sich die Familie als Urzelle des Kapitalismus mitsamt ihren Verwerfungen („20 Jahre Hass, 100 Millionen verkaufte Platten“). Die Psychotherapie wird zum Werkzeug, das das individuelle Versagen mit dem drohenden Marktversagen wasserdicht verschweißt. Von da ist es nur ein Schritt zu dem Drogisten in Egon Monks „Industrielandschaft mit Einzelhändlern“. Der Mitarbeiter Brechts und spätere Begründer des politischen Fernsehspiels beim NDR führt das Scheitern seines Protagonisten vor, der als Selbständiger der Konkurrenz von Großhändlern und -märkten nicht standzuhalten vermag. Der Reiz liegt darin, dass der Drogist im weißen Kittel (im Wechsel gespielt von Jürgen Kuttner und den Bandmitgliedern) sich als überzeugter Wirtschaftsliberaler gibt. Kühl analysiert er mit starrem Blick ins Publikum die Abläufe seines Arbeits-, Geschäfts- und Privatlebens und versucht sie bis zur totalen Marktkonvergenz zu optimieren. Der Niedergang ist nicht aufzuhalten. Schließlich steht er nebelumwölkt in der Schlagzeugbox und beschreibt in lyrisch-existenzialistischen Phrasen die Dynamik als rasenden Stillstand. Dem Regieteam ist eine erkenntnisreich dröhnende und unterhaltsame Inszenierung gelungen.“ (Hans-Christoph Zimmermann, Bonner General-Anzeiger)

„Die Erzählung vom Niedergang eines kleinen Drogisten, der Ende der 1960er Jahre den Kampf gegen die Konzerne verliert, und das intime Porträt einer Band in der Krise haben schon für sich genommen etwas extrem Irritierendes. Doch zusammen erweisen sie sich als veritables Horrorszenario einer von den Kräften des Kapitals deformierten Welt. Kühnel und Kuttner versuchen nie, ihre Vorlagen gewaltsam in Einklang zu bringen. Sie überlagern sie vielmehr in einer Art theatralen Doppelbelichtung, so dass zwischen ihnen ein spannungsreicher Assoziationsraum entsteht. In pointierten Szenen, die durch Suse Wächters bizarre Puppen zudem einen Hauch Horror-Comic-Atmosphäre verströmen, erzählen sie vom Wahnsinn der letzten 40 Jahre. (…) Faßnacht, Grötzinger und Dölle sind grandios als egomanische Rockstars.“ (Sascha Westphal, Ruhr Nachrichten)

„Eine große Stärke des Abends ist, dass das Geschehen auch für alle funktioniert, die nie etwas von Hard Rock Musik gehört haben. Das endlose Streiten und Diskutieren ist für alle logisch und nachvollziehbar, Hintergrundwissen lässt zwar einige Anspielungen erkennen, ist für ein Verständnis des Stücks jedoch nicht erforderlich. Auch die Verflechtung der beiden Handlungsstränge ist großartig gelungen. Beide stehen zwar in Kontrast zueinander, wirken jedoch wie eine Einheit. Die Schauspieler wechseln clever von einer Rolle in die andere, treten mal in den Vordergrund, mal hinter das Scheinwerferlicht. Die Texte von Egon Monk funktionieren gut und sind vor allem in der heutigen Zeit aktueller denn je. Der Untergang des Händlers ist ebenso ergreifend wie die innere Zerrissenheit und die trostlose Müdigkeit der Band.“ (Eugen Lyubavskyy, campus-web.de)






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