GELD- UND FINANZMÄRKTE ALS FIKTION
Im zweiten Teil des »Faust« lässt Goethe den legendären Zauberer aus dem Volksbuch als modernen Finanzberater auftreten. Unterstützt vom teuflischen Mephisto empfiehlt er dem Kaiser, sein bankrottes Reich durch die Einführung von schnell gedrucktem Papiergeld zu retten: „Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen / Kann sich nach Lust in Lieb und Wein berauschen.“ Solch blinder Glaube an nie versiegende Kapitalströme war auch im Spiel, als die faulen Zertifikate des 21. Jahrhunderts unters Volk gebracht wurden. „Mit wenigen Federzügen“ ließen sich auch in diesem Drama Schuldenpapiere bündeln, die „durch Tausendkünstler schnell vertausendfacht“ in Umlauf gebracht wurden und die aktuelle Weltwirtschaftskrise ausgelöst haben. Die Broker erwiesen sich als Illusionskünstler, die Derivate und Verschreibungen immer wieder neu verpackten, und die Fiktion nährten, Geld sei eine Ware wie Möbel oder Autos und ließe sich ohne Bezug zur Realwirtschaft beliebig vermehren.
Mit: Heiner Flassbeck (Chefvolkswirt der UN-Organisation für Welthandel und Entwicklung), Joseph Vogl (Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft) und Michael Wittenborn
Moderation: Hermann Theißen (DLF)
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